Weiterbildung
Kreditwesen durch Erfahrung vermitteln: analytische Genauigkeit, Risikobewusstsein und Pragmatismus in der Praxis
7. Januar 2026
Als Dozent im Rahmen des ISFB-Zertifikatsprogramms „Kredite” vertritt Herr Défago eine anspruchsvolle und entschieden pragmatische Sichtweise des Kreditgeschäfts. Mit seinem reichen akademischen und banktechnischen Hintergrund vertritt er einen andragogischen Ansatz, der in realen Situationen verankert ist, in denen die Finanzanalyse nur im Lichte des Wirtschaftsmodells, der wichtigsten Risiken und der in der Praxis gesammelten Erfahrungen ihren vollen Sinn entfaltet.
Herr Défago, Sie sind Dozent im Rahmen des ISFB-Zertifikatsprogramms «Crédits». Was sind Ihre Erwartungen und welchen Ansatz werden Sie als Dozent verfolgen?
Ich arbeite seit fast zwölf Jahren mit dem ISFB zusammen, zunächst im Rahmen eines Zertifikats im Bereich Rohstoffe, seit zwei Jahren nun im Rahmen des ISFB-Zertifikats Kredite.
Mein Beitrag zum Thema Konsortialkredite folgt einer klar dualen Logik, die sowohl akademisch als auch praxisorientiert ist. Es geht natürlich darum, die für das untersuchte Thema unverzichtbaren Konzepte zu vermitteln, aber vor allem darum, anhand konkreter Beispiele die Fähigkeit der Teilnehmer zu entwickeln, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und eine solide, verständliche und vertretbare Kreditargumentation zu strukturieren, sowohl gegenüber Kunden als auch im internen Entscheidungsprozess.
Mein pädagogischer Ansatz ist daher bewusst pragmatisch. Er basiert auf realen Situationen, sowohl Erfolgen als auch Misserfolgen, denn oft sind es gerade letztere, die prägen und nachhaltige Fortschritte ermöglichen. Meiner Meinung nach lässt sich Kreditwürdigkeit nicht auf Kennzahlen reduzieren: Sie erfordert das Verständnis eines Wirtschaftsmodells, die Identifizierung der wichtigsten Risiken und vor allem die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.
Was meine Erwartungen angeht, so freue ich mich wie immer auf eine angenehme Zusammenarbeit und einen guten Austausch mit den Teilnehmern.
Können Sie uns etwas über Ihren akademischen und beruflichen Werdegang erzählen?
Mein akademischer und beruflicher Werdegang ist vielfältig und vielleicht etwas untypisch. Ich habe eine Ausbildung in internationalen Beziehungen absolviert und 2002 einen Bachelor-Abschluss am IUHEI in Genf erworben, ergänzt durch ein Praktikum in der Botschaft in Kanada zwischen 2002 und 2003. Anschließend absolvierte ich ein Aufbaustudium in Betriebswirtschaft (DEA) an der Universität Genf, das mir durch ein für den Abschluss des Programms erforderliches Praktikum die Verbindung zwischen akademischer Analyse und wirtschaftlicher Realität ermöglichte. Dieser doppelte Ansatz führte mich zu einem Rohstoffhandelsunternehmen (Noble Resources SA) und anschließend in den Bankensektor, wo ich 2006 zur Banque Cantonale de Genève wechselte. Dort war ich bis 2020 als Kundenbetreuer im Bereich Rohstofffinanzierung und Konsortialkredite tätig, bevor ich 2020 zum Schweizer Firmenkundengeschäft wechselte, um ein Portfolio international tätiger Schweizer Industrieunternehmen aufzubauen und ihnen die Trade-Finance-Dienstleistungen der Bank anzubieten. Anfang 2025 kam ich zu Raiffeisen Schweiz, wo ich als Senior Relationship Manager tätig bin und gemeinsam mit meinen Kollegen ein Portfolio von Grossunternehmen und multinationalen Konzernen mit Sitz in der Westschweiz aufbaue.
Was sind Ihrer Meinung nach derzeit die größten Herausforderungen im Kreditbereich?
Die größte Schwierigkeit besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis zu finden. Analyseinstrumente sind unverzichtbar, aber ihre Interpretation kann je nach Kontext und Branche manchmal kompliziert sein. Das Kreditgeschäft ist ein Beruf, der schrittweise erlernt wird: Es erfordert ein umfassendes Verständnis von Unternehmen, Branchen und Konjunkturzyklen. Die Herausforderung besteht daher darin, diese Erfahrung in einem strukturierten Rahmen zu vermitteln und gleichzeitig ein Risikobewusstsein zu entwickeln, das weitgehend empirisch ist und nicht vollständig theoretisiert werden kann.
Eine weitere große Herausforderung besteht darin, das Gleichgewicht zwischen Geschäftsentwicklung und Risikodisziplin zu wahren. Es gilt, Finanzierungslösungen anzubieten, die sowohl für die Bank als auch für den Kunden sinnvoll sind, und gleichzeitig die Qualität des Portfolios zu erhalten. Dies erfordert strenge Auswahlkriterien und eine genaue Einschätzung der akzeptablen Grenzen.
Es geht darum, über eine einfache Lektüre der Finanzberichte hinauszugehen, um die Strategie und das Potenzial des Unternehmens, die Qualität des Managements, die branchenspezifischen Besonderheiten sowie die exogenen makro- und mikroökonomischen Faktoren zu analysieren.
Der wahre Mehrwert und gleichzeitig die „Herausforderung” dieses Tätigkeitsbereichs beruhen auf der Fähigkeit, sich die richtigen Fragen zu stellen, seine eigene Fragestellung kontinuierlich zu erweitern und seine Analysen zu hinterfragen. Es handelt sich um einen permanenten Lernprozess. Dieser Fortschritt basiert somit weitgehend auf Erfahrung, die für die Qualität von Kreditentscheidungen nach wie vor entscheidend ist.
Das ISFB-Zertifikat „Crédits“ wird in Kürze (Februar 2026) eingeführt. Inwiefern bietet dieses Programm konkrete Lösungen, und worin liegen Ihrer Meinung nach die Stärken und Besonderheiten, die seinen Reichtum und seine Qualität ausmachen?
Das ISFB-Zertifikat Credits zeichnet sich durch seine starke Verankerung in der beruflichen Praxis aus. Es handelt sich nicht nur um eine theoretische Ausbildung, sondern um ein Programm, das von Fachleuten aus der Praxis entwickelt wurde, mit echten akademischen Anforderungen und einer unmittelbaren Anwendbarkeit für Personen, die mit dem untersuchten Bereich konfrontiert sind.
Die Teilnehmer erwerben nicht nur ein Instrumentarium, sondern auch eine Denkweise, die sie in ihrem beruflichen Alltag anwenden können.
Schließlich fördert die Vielfalt der Referenten, aber auch die der Teilnehmer selbst einen besonders reichhaltigen und konkreten Austausch. Das Programm beschränkt sich nicht darauf, Wissen zu vermitteln, sondern trägt zur allgemeinen beruflichen Weiterentwicklung der Teilnehmer bei, indem es ihnen natürlich neue Kompetenzen vermittelt, aber auch mehr Sicherheit und Vertrauen in ihr berufliches Urteilsvermögen.
Nicolas Défago
Kundenberater Großunternehmen
Mitglied der Geschäftsleitung
Raiffeisen-Gruppe
Dozent ISFB
„Kredite lassen sich nicht auf Kennzahlen reduzieren: Es geht in erster Linie darum, ein Geschäftsmodell zu verstehen, die wichtigsten Risiken zu identifizieren und die Herausforderungen zu priorisieren, um fundierte und vertretbare Entscheidungen zu treffen.“
Dienstleistungen für Mitglieder im Zusammenhang mit den in diesem Interview behandelten Themen
